Lebensquarantäne

Traumlos sind die Nächte,
habe keine Erlebnisse zu verarbeiten,
falle vom Stuhl ins Bett und vom Bett auf den Stuhl,
machmal auf den Balkon,
um frische Luft zu holen.

Ich bin froh,
dass für mich dieser Zyklus
ein Ende hat
und ich nach einer Woche wieder
in die Freiheit kann,
dann kann ich die Sonnenstrahlen genießen
und das Rauschen des Windes,
das Plätschern des Flusses,
das Lachen des Kindes.

Ich bin froh,
dass ich mich nach einer Woche wieder daran erfreuen kann.
Dieser Rhythmus nur eine Phase war,
aber nicht mein Leben bestimmt.

Ich bin dankbar dafür,
denn es ist nicht selbstverständlich.
Es gibt Menschen,
die kämpfen für jede Ausnahme aufzustehen,
rauszugehen,
die Welt zu sehen.
Also vielleicht erst einmal die Straße vor dem eigenen Haus.
Dann die Parkrunde,
die ist mir ja vertraut
und vielleicht setze ich mich auf eine Bank und schaue den Kindern zu,
bin einfach mal glücklich,
einfach mal wie du.

Manche Menschen leben in Quarantäne,
aufgrund von Depressionen oder Ängsten.
Sie sind krank, so wie ich es war,
aber mich verließ das Virus nach kurzer Zeit
und hinterließ keine bleibenden Schäden.
Ihr Virus sitzt tiefer,
hat mehr Zellen befallen,
zwingt sie, im Bett zu bleiben
und sperrt sie ein,
schirmt sie ab
und nimmt sie weiter hinab
in die Spirale nach unten,
sodass sie froh sind,
wenn sie es vom Bett auf den Schreibtischstuhl schaffen,
oder mal auf den Balkon.
An diesem Fortschritt arbeiten sie
Tag für Tag.

Ich bin dankbar,
dass meine Quarantäne endet,
dass ich wieder raus gehen kann.
Ich bin dankbar
und ich wünsche dir,
dass du es eines Tages schaffst.

Die Coronazahlen steigen, während die Angst vor dem Virus weiter sinkt. Die logische Schlussfolgerung: Viele Menschen stecken sich an, sind in Quarantäne und kommen nach einem leichten Verlauf wieder raus. So ging es auch mir letzte Woche. Ich wollte darüber ein Gedicht verfassen, habe mich mit den typischen Quarantänemetaphern aber schwer getan und bin plötzlich in eine ganz andere Richtung geraten. Ich finde es sehr wichtig über psychische Krankheiten zu sprechen, diese zu normalisieren und nicht tot zu schweigen. Eine psychische Krankheit kann jeden treffen, sowie sich jeder mit Corona anstecken kann. Aber im Vergleich zu Corona haben wir keinen Impfstoff dagegen, der die Schwere des Verlaufs einer psychischen Krankheit vermindert. Das kann uns Angst machen. Es widerspricht unserem Glauben an eine gerechte Welt und deswegen suchen wir die Schuld oft bei den Betroffenen oder versuchen die psychische Krankheit herunter zu spielen. Doch das ist der falsche Weg! Viel öfter sollten wir dafür dankbar sein, dass es uns gut geht, physisch und psychisch und die Betroffenen nicht verurteilen.

Mir ist es außerdem wichtig zu sagen, dass nicht jede psychische Krankheit gleich ist. Was ich in diesem Gedicht beschrieben habe, mag auf manche Menschen zutreffen, andere stehen jeden Morgen auf, regeln ihr normales Alltagsleben und leiden trotzdem an einer Depression oder einer anderen psychischen Krankheit. Das gibt uns aber nicht das Recht darüber zu urteilen. Ein gebrochenes Bein bleibt auch ein gebrochenes Bein, egal ob der Patient tagelang im Bett liegt oder versucht seinen Alltag zu meistern.

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